Muslime zwischen Tradition und Moderne PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von: Admin   
Freitag, 20. November 2009 um 06:55
Nach dem traditionellen Selbstverständnis des Islam muss die Religion Mohammeds über allen weltlichen Systemen stehen. Der Islam-Spezialist Mark A. Gabriel äussert sich im Livenet-Gespräch zur Vielfalt in der islamischen Welt, ihrer Bindung an die Tradition, zu Moschee und Minarett - und wie westliche Gesellschaften mit Muslimen umgehen können.

Livenet: Wie gross ist die Vielfalt in der islamischen Welt?
Mark A. Gabriel:
Der Islam ist nicht so geeinigt, wie man im Westen denkt. Es gibt verschiedene Trennungen. Die Kluft zwischen Sunniten und Schiiten ist tief. Die Weltsicht, das Selbstverständnis und die religiöse Praxis unterscheiden sich, wie die Kämpfe im Irak in den letzten Jahren zeigen. Das iranische Regime gibt Schiiten in der ganzen islamischen Welt ein neues Selbstbewusstsein. Durch die Hisbollah wächst die Hoffnung, dass sie nicht weiter die gedemütigte und verfolgte Minderheit sind, sondern Macht in ihrer Hand haben. Die Schiiten selbst zerfallen aber in verschiedene Gruppen.

Bei den Sunniten gibt es die grosse Sufi-Bewegung, es gibt liberale Sunni, die eine säkulare Regierung begrüssen, und andere, die den ursprünglichen Islam heute zu verwirklichen trachten. Am Anfang stand die Muslimbruderschaft in Ägypten; derzeit kennen wir Bewegungen in Algerien und Pakistan, die Kaida, auch Extremisten in Südostasien. Die Palästinenser geben in ihrer Zerstrittenheit ein akkurates Bild der Trennung im Islam ab. Er ist kein geeinigtes Ganzes, wie man im Westen meint.

Wie zeigen sich die Trennungen?
Nehmen wir die Palästinenser. Im Glauben (iman) an Allah und an den Koran unterscheiden sich PLO und Hamas nicht. Aber in der PLO findet sich nicht dieselbe Verbindlichkeit (tamasuq) wie in der Hamas. Die PLO-Leute gehen Kompromisse ein. Dagegen sucht die Hamas die Lehre Mohammeds ohne Abstriche umzusetzen. Der Hamasführer lässt sich im Unterschied zu Mahmud Abbas nicht von Barack Obama ins Weisse Haus einladen; es kommt nicht zu einer Begegnung, nicht zu Verhandlungen über zwei Staaten.

Zur Moderne haben liberale Muslime eine ganz andere Einstellung als die Mehrheit. Und radikale Muslime nehmen den Wandel nicht hin, sondern streben danach, die Gesellschaft nach ihrer Lehre umzumodeln. Die moderne Welt darf sie nicht ändern; sie wollen die Welt ändern. Was der Islam vorgibt, was sein Gesetz fordert, gilt als Massstab. Alles in unserer Welt, was ihm nicht entspricht, muss geändert werden. Das ist die Haltung der Radikalen.

Gelehrte wie Tariq Ramadan fordern und betreiben eine Neu-Interpretation.
Das ist nichts Neues. Die gelehrten Begründer des Sufismus kamen schon im Mittelalter zum Schluss, Koran und Hadith (Überlieferungen von Mohammed) seien neu zu interpretieren. Zum Beispiel verstanden sie den Dschihad auch als inneren Kampf. Vom Hauptstrom des Islam (Ibn Taimiya) wurden sie verdammt. Sie setzten sich nicht durch.

Dasselbe geschieht in unseren Tagen. Mit dem Buch ‚Al-Kilafa‘ (Das Kalifat) forderte Muhammed Said Ramadan, leitender Richter am Obersten Gericht Ägyptens, dass der Islam mit der Zeit geht. Der Koran solle neu gelesen werden; die Muslime der Welt könnten ohne Kalifat, also ohne einigende islamische Herrschaft leben. Mohammed habe kein Kalifat eingerichtet, schrieb Said Ramadan. Die grosse Mehrheit der islamischen Gelehrten verdammte seine Thesen. Mehrfach wurde er mit dem Tode bedroht; die Regierung stützt ihn.

Ich stelle die Motivation von Tariq Ramadan in Frage. Mohammed rief zum Dschihad auf, zum Kampf mit der Waffe, aber auch mit der Zunge. Und das scheint mir Tariq Ramadan zu tun. Nach einem Hadith von Mohammed wird ein Muslim ein Ungläubiger, wenn er sich den Ungläubigen anpasst. Demzufolge kann sich der wahre Muslim nicht positiv zu einer westlichen Ordnung stellen.

 
Alabastermoschee
 
Die Albastermoschee in Kairo. (Foto: Christian Rosenbaum)
Die grosse Mehrheit der Muslime, die in der Schweiz leben, vor allem die Menschen aus Kosovo, Mazedonien, Bosnien und der Türkei, passt sich an. Über 80 Prozent praktizieren den Islam nicht oder nicht in vollem Umfang.
Dasselbe sehen Sie auch in arabischen Ländern. Doch dass es so bleibt, können Sie nicht mit Gewissheit sagen. Sie wissen zudem nicht, wie sich die 15 oder 20 Prozent praktizierenden Muslime entwickeln. Auch nichtpraktizierende Muslime könnten unvermittelt den Drang entwickeln, den Islam zu erneuern.

Nehmen Sie Ägypten im Jahr 1924, als Atatürk, der Gründer der modernen Türkei, das Kalifat abschaffte. Das Land am Nil stand unter britischem Einfluss; sein König lebte ganz säkular. Von Radikalismus keine Spur. Dann setzte ein einziger Muslim einen Prozess in Gang: Hassan al-Banna gründete 1928 die Muslimbruderschaft. Die Ideen der Bewegung halten heute den ganzen Nahen Osten und den Rest der islamischen Welt in Unruhe. Das Problem liegt nicht bei den Menschen, sondern darin, wie die Religion gelehrt wird.

Der Islam-Experte Arnold Hottinger hat darauf verwiesen, dass die Islamisten sich mit jedem Misserfolg weiter radikalisieren, aber zugleich an Zahl abgenommen haben.
Wir müssen aber sehen, dass das Problem nicht bei einer Gruppe wie al-Kaida liegt. Wenn dieses Netzwerk verschwinden sollte, würden andere an seiner Stelle den Kampf weiterführen.

Unter den Islamisten gibt es neben den Extremisten revolutionäre und reformorientierte. Die Muslimbrüder in Ägypten geben sich derzeit reformerisch; sie streben die Macht an, ohne Anschläge zu verüben.
Doch alle drei Segmente haben dasselbe Ziel; sie unterscheiden sich durch die Zeitspanne, in der sie es erreichen wollen, und durch die Strategie. Das Ziel, den islamischen Staat einzurichten, schliesst die Abschaffung aller Gesetze ein, die ihm entgegenstehen. Aller Einfluss des Westens soll verschwinden; der Islam soll die Gesellschaft bestimmen, nach koranischen Vorgaben, dass das Wort Allahs über allem stehe und das Wort der Ungläubigen nicht mehr gelte. Gemäss einem Hadith von Mohammed hat der Islam die Führung zu übernehmen; er muss über allen Systemen stehen.

Wenn es Islamisten leicht fällt, gemässige Gruppen zu radikalisieren, wie sollten die Schweizer Behörden mit islamischen Vereinigungen umgehen?
Die Schweiz gewährt Muslimen die Freiheit, ihre Religion in Moscheen zu praktizieren. Das Problem liegt nicht bei den Menschen, sondern in der Lehre des Islam als Religion und besonders im Gesetz des Islam. Wenn die Behörden den Muslimen erlauben, mehr Rechte zu fordern, und sie ihr islamisches Gesetz hier und da zur Anwendung bringen können, bedroht das die Zukunft Ihres Landes.

Eine Muslima wanderte in die USA ein. In Florida beantragte sie einen Führerschein, wollte aber für die Foto ihre Kopfbedeckung, die nur die Augen freilässt, nicht ablegen. Sie stellte sich mit dem Hidschab vor die Kamera, da das Enthüllen gegen das Gesetz ihrer Religion sei. Der Mainstream der islamischen Gelehrten stützt diese Auslegung des Koran. Als das Amt ihr den Ausweis verweigerte, motivierte ihre Organisation, den Staat Florida einzuklagen. Muslime werden nicht zurück gehen, sie werden nicht aufhören, mehr und mehr Rechte zu fördern. Und zuerst werden sie islamische Rechtsnormen in ihrem Leben anwenden, auch hier in der Schweiz.

Das Familienrecht ist ein Hauptkampffeld.
Ja. Das islamische Recht gibt den Männern das Recht, mehr als eine Frau zu heiraten. Sind Sie bereit, dies in der Schweiz zuzulassen? Nochmals: Es geht nicht um die Menschen, es kommt auf das System an. Sie können das System des Islam nicht uminterpretieren und so umbiegen, dass es mit der Ordnung Ihres Landes und den Werten Ihrer Gesellschaft vereinbar ist.

Bis 1980 schien sich auf dem Balkan ein eigenständiger «europäischer» Islam zu entwickeln. Seither hat der orientalische Einfluss zugenommen.
Islamische Organisationen wie die Islamische Weltliga und die Jugendorganisation sind verstärkt wirksam. Orientalische Schulen wie die Kairoer Al-Azhar haben Imame gesandt, die während des Ramadan den Koran in den Moscheen rezitieren. Die islamischen Gemeinschaften werden vom Orient unterstützt. Man kann die Muslime in Südosteuropa nicht von jenen im Orient trennen. Wer hätte vor Jahren gedacht, dass die Kaida Amerikaner und deutsche Konvertiten einbinden könnte? Britische Muslime, die ein Auskommen und Familie hatten, legten in London Bomben.

 
Assuan
 
Marktszene in Assuan in Oberägypten. (Foto: Wikipedia/Desertman)
Was raten Sie den Schweizern?
Sie müssen die wahre Natur des religiösen Systems des Islam wahrnehmen und wachsam sein. Stehen Sie für Ihre Lebensweise, Ihre Kultur und das religiöse Erbe ein. Staat und Gesellschaft müssen im Umgang mit den Vertretern der islamischen Gemeinschaften im Auge behalten, woher sie kommen und wie sie den Islam interpretieren.

Wie kann radikale Agitation und Indoktrination verhindert werden?
In Ägypten gibt es überall Moscheen. Die radikalen Bewegungen nutzen die Zeit zwischen den fünf Gebeten, um Besucher anzusprechen. Wer am Gebet teilnahm, wird vielleicht für eine Diskussion zurückbleiben. Wenn die Islamisten von der staatlichen Überwachung der Moschee Kenntnis haben, bleiben sie ihr fern und nutzen Privathäuser.

Wenn islamistische Indoktrinierung überall erfolgen kann, was nützt ein Minarettverbot?
Der Kirchtum unterscheidet sich wesentlich vom Minarett. In der Kirche wird Gottes Wort verkündigt, Gott wird gelobt und angebetet. Der Turm dient dazu, dass Leute die Kirche finden. Die Moschee hingegen dient neben dem Gebet anderen Zwecken. In ihr werden Rechtsfälle entschieden, nach dem Vorbild von Mohammed. In der Moschee wurden Feldzüge geplant; sie war der Kommandoposten.

Das Minarett wird für den Ruf zum Gebet benutzt und - in Kriegszeiten - für die Aufforderung zum Dschihad. In diesem Fall wird der Ruf abgeändert - so geschehen in der Stadt Falludscha im Irak vor wenigen Jahren -, um Muslime zum Kampf gegen Ungläubige aufzurufen. Es heisst dann im Gebetsruf: «...kommt und engagiert euch im Dschihad!» Das Minarett steht für die Präsenz des Islam - und dient auch diesen Zwecken.

Nach einem Hadith hat Mohammed gesagt, dass Allah die ganze Erde als Moschee gedacht hat, als Ort der Unterwerfung im Gebet. Die Moschee ist das Zentrum des islamischen Lebens. Der fromme Muslim kann sich das Leben nicht ohne Moschee vorstellen. Täglich fünf Gebete, Gespräche, Gemeinschaft - Muslime haben keine Einzelexistenz, sie leben gemeinsam. 

Wie sollen Schweizer Behörden mit Baugesuchen umgehen?
Eine nüchterne Einschätzung des Islam als System und der Kräfte, die in ihm wirken, schliesst ein, dass auch sein Streben noch Weltherrschaft wahrgenommen wird. Der Islam unterscheidet sich darin völlig von Hinduismus und Buddhismus und allen Religionen, die ohne politische Agenda und territoriale Forderungen auftreten. Es gibt im Buddhismus keine Unterscheidung zwischen dem ‚Haus des Krieges‘ (nicht-islamische Länder) und dem ‚Haus des Friedens‘ (islamische Länder). Das religiöse System des Islam umfasst alle Stunden des Tages; es beansprucht, jeden Aspekt des Lebens der Menschen zu regeln. Die Leute wachen mit dem Islam auf und gegen mit ihm zu Bett.

Was sollte erlaubt und was verboten werden?
Das kann ich im Einzelnen nicht sagen. Die Religionsfreiheit muss gelten. Ich habe nichts dagegen, dass die Muslime Moscheen bauen. Die Behörden müssen entscheiden, wie gross und repräsentativ sie sein sollen. Ich wünsche aber, dass die Muslime in Europa sich selbst aufmachen und eine neue Interpretation des Koran entwickeln, der für sie das Wort Allahs bleibt. Die neue Interpretation muss der Religion eine friedliche Natur geben, so dass Muslime untereinander und mit Andersgläubigen in Frieden leben können.

Gibt es Denker, die den Weg dazu weisen?
Es hat viele Ansätze gegeben, den Islam neu zu interpretieren. Zu Beginn des Gesprächs habe ich meinen Landsmann, den ägyptischen Richter Said Ramadan, erwähnt. Dass irgendein Versuch Erfolg haben wird, bezweifle ich aufgrund der islamischen Geschichte, die ich intensiv studiert habe. Der ägyptische Literaturnobelpreisträger Nagib Mahfouz distanzierte sich nie vom Islam, dennoch wurde er von Fanatikern schwer verletzt.

Mark A. Gabriel (Deckname) ist ein Ägypter, der seit neun Jahren mit einer neuen Identität in den USA lebt. Sohn eines Fabrikanten, lernte er im Primarschulalter den Koran auswendig. Nach seinen Studien lehrte er während sechs Jahren an der Al-Azhar-Universität in Kairo islamische Geschichte und Kultur und wirkte als Imam in Giseh.
Aufgrund kritischer Anfragen an den Koran wurde er 1991 von beiden Ämtern suspendiert, verhaftet und misshandelt. Nach 15 Tage in Untersuchungshaft arbeitete er in der Firma seines Vaters. Nach der Hinwendung zu Christus - er hatte eine Bibel erhalten - wurde er 1993 niedergestochen. Ein Jahr später floh er nach Südafrika.

Als Autor der Bücher «Islam und Terrorismus», «Motive islamischer Terroristen» und «Jesus und Mohammed» (alle bei www.resch-verlag.com) ist Mark A. Gabriel im deutschen Sprachraum bekannt geworden.

Autor: Peter Schmid
Quelle: Livenet.ch
Datum: 17.11.2009